Archiv: ‘Snaga’

Snaga & Fard – Talion

(Groove Attack / 03.04.2009)

Mutter Erdes Straßen benötigen sicher einiges.
Mannen, die sich im Auftrag der Genresäuberung in’s verbale Drive-by aufschwingen? Angenommen. Luxusgetriebe mit technischer Allerweltsausstattung? Soll vorkommen wie ‘n referierender Schüler. Ein neuer Anstrich für die Wiederbelebung meiner Lieblingssparte? Immer her damit!

Woran Mamas Betonfassaden dieserlands aber auf keinen Fall noch brauchen, sind technisch durchschnittliche Wortakrobaten, die sich aufgrund nicht mehr vorhandener Punchlinedichte als phrasendreschende Hartz IV-Representer feiern lassen.

Nein, ehrlich: Es ist mir wirklich ein Rätsel, wie der hochgeschätzte Falk Schacht das erste (und auch hoffentlich letzte) Werk der Talion-Crew als Revivalisierung Streetraps belobhudelte, wo unsere ehemaligen Straßenjungen, Koksticker und Dachbodenhustler die Kuh endlich soweit leergemolken haben, dass sich renomierten Labels keine andere Rentierungsmöglichkeit außer der Selbstauflösung erschließt.

Und was bitte, lieber Falk, soll das Politikerohr bewirken, wenn Snaga sie aus dem Blickwinkel des “Taugenichts” begrüßt, der getrost auf “eure Perspektive” scheißt und sein Geld lieber mit illegalem Tunichtgut erhustelt, weil die eigene Box-Karriere, der Ausweg aus dem ach so harten Ruhrpott-Ghetto, dem designierten Ich ein Häufchen Unglück vor den Bug schoss – Sollen die Herren Merkel und Co nun Spielplätze für Kreuzbandgeschädigte bauen, weil diese das Hinterteil ansonsten in die Boof pflanzen, deren Insassen das Couch-Potatoing hochleben lassen, indem sie noch pompösere Chor-Pitches mit “Fallt ihr ruhig auf, hauptsache ich falle nicht rein./ Einer für alle und alle für einen” (Fard in “Hand auf’s Herz”) phrasieren?

Diese Platte jedenfalls ist, wie schon mit überdrüssiger Leichtigkeit angeschnitten, das unnötigste Verblasen von hochkarätigen Loops seit Ilans Synthie-Fetischismus auf Automatikks “Jenseits von Eden“.

Klar, die Bässe pumpen wie sonst nirgends, die aus feinstem virtuellen Trommelholz geschnitzten Claps plappern neben den vulominösen Synthie- und/oder Chor-Samples her und erzeugen somit eine kurzfristig berauschende Fast-Filmatmosphäre (”Tanz mit dem Teufel”), doch was nützt das hollywoodreifste Instrumental, wenn der erzählerische Höhepunkt des snaga- und fard’schen Schaffens in der ach so tragischen Geschichte einer Schulschmeißerin mündet, die “diesen kleinen Menschen” unbedingt wollte und “die Flügel aus”streckt, in der Hoffnung, niemand erfahre “von ihrem Geheimnis”, während sie sich im Clöööäääb (neudeutsch für Klub) den alltäglichen Muttertagshustle aus der Leber säuft? Die Ohrenschmerzen verursachende Gesangshookline plus kitschige Streicher geben dem Ganzen dann endgültig den Rest.

Nein, Leute. So geht das einfach nicht und auch, wenn die eifrigen Supporter mich jetzt wieder als notorischen Nichtsversteher abstempeln mögen, der noch nicht ausreichend Straße geatmet, gehört und geschmeckt habe, um diesen inhaltlichen Vollblutbeton rezensieren zu dürfen, bleibt mir nur eindringlichst zu raten:
Lieber Falk, wenn du das nächste Mal zwei Ruhrpottlern im Aufzug begegnest, ruf doch einfach Flipstar an. Danke. Es liebt dich – Dein HipHop.

Wertung: 2 / 5